Viel Aufregung gab es 2017 in Eidelstedt als sich abzeichnete, dass im Stadtteil zukünftig dauerhaft Wohnraum für Menschen geschaffen werden soll, die ihre Heimat verloren haben. Es wurde über Belegungszahlen gestritten, über Belastungsgrenzen und andere abstrakte, zumeist mit Problemen beladene Themen. Die Gemüter gerieten in Wallung, die Debatte wurde – und wird immer mal wieder – mit erhöhter Temperatur geführt. Deshalb nannte das Stadtteilkulturzentrum Eidelstedter Bürgerhaus seine Veranstaltungsreihe, die den nackten Zahlen endlich Gesichter und Geschichten geben sollte, auch 37FÜNF°: Ab dieser Körpertemperatur spricht man von „erhöhter Temperatur“.

Autorinnen: Nicola Schulz-Bödeker und Holger Börgartz

Musikprojekt „MusicUnited“ unter der Leitung von Dumisani Mabaso (Mitte), Foto: Holger Börgartz

Musikprojekt „MusicUnited“ unter der Leitung von Dumisani Mabaso (Mitte), Foto: Holger Börgartz

Das Eidelstedter Bürgerhaus hatte bereits in 2015, als geflüchtete Menschen aus Syrien als Kontingent-Flüchtlinge im Stadtteil erste Wohnungen bezogen hatten und später ein leerstehender Baumarkt über Nacht mit 800 geflüchteten Menschen unter katastrophalen Bedingungen belegt wurde, große Anstrengungen unternommen, um der neuen Situation im Stadtteil und der bedrängten Situation der betroffenen Menschen mit adäquaten Angeboten zu begegnen.

In dieser Zeit wurde mit tatkräftiger Beteiligung des Kulturzentrums der Runde Tisch „Willkommen in Eidelstedt“ gegründet. Es ging darum, in sehr kurzer Zeit funktionierende Strukturen aufzubauen, Vernetzung und Absprache zu schaffen und erste Aktivitäten zu beginnen. Das Willkommenscafé bewirtet seitdem einmal die Woche an die 60 Gäste im Kulturzentrum. Hier übernahm eine großartig engagierte Gruppe von ehrenamtlich tätigen Menschen erste Patenschaften, organisierte Beratung, Begleitung, Wohnraum, Umzüge und Informationsfluss. Das Stadtteilkulturzentrum schuf dafür begleitend hilfreiche Rahmenbedingungen und Unterstützung. Dies mit dem Selbstverständnis, dass das Ehrenamt in diesem Bereich zwar unerlässlich und großartig ist, die freiwillig tätigen Menschen aber mit einer Fülle von Themen und einem Ausmaß von Problemlagen konfrontiert sind, die sozialpädagogische, auch anwaltliche und entlastende Unterstützung dringend erfordern. Das ist ein Umstand, den man immer wieder klar und bestimmt einfordern muss: Die Stärkung der Institutionen, der Infrastruktur und der professionellen Arbeit vor Ort.

In dieser Zeit initiierte das Stadtteilkulturzentrum auch das Musikprojekt MusicUnited im Haus – geleitet von professionellen Musiker*innen und offen für Männer, Frauen und Jugendliche. Darüber hinaus erfuhr eine Gruppe von Ehrenamtlichen Support, um eine Stadtteilkarte für neu hinzugezogene Menschen zu entwickeln, zu gestalten und zu drucken.

Mitte 2016 wurde die Notunterkunft „ehemaliger Praktiker-Baumarkt“ endlich aufgelöst und der Entscheid für den Bau der Wohnquartiere Hörgensweg und Duvenacker war gefallen. Im Team des Kulturzentrums fiel die Entscheidung, sich trotz extrem enger Personalressource in die hitzig geführten Debatten noch einmal verstärkt mit einem breit angelegten Veranstaltungsprogramm einzumischen: Die Jahres-Veranstaltungsreihe 37FÜNF° zum Thema „Heimat – Flucht – Zusammenleben“ wurde entwickelt.

Die Reihe bündelt Aktivitäten und Veranstaltungen, in denen die Themen Flucht, Ankommen, Integration, Mitgestalten und neue Nachbarschaften gleichermaßen in den Fokus rücken. Im Vordergrund steht die Schaffung von Foren zur Auseinandersetzung, zum Austausch und für das Gestalten neuer Nachbarschaften.

Um der Veranstaltungsreihe visuell ein gemeinsames Dach zu geben, wurde eine Wort-Bild-Marke entwickelt: Angelehnt an die menschliche Körpertemperatur von durchschnittlich 37 Grad Celsius – die bei allen Menschen gleich ist, egal woher sie kommen und wohin sie gehen. Allerdings mit 0,5 Grad mehr, um den erhitzten Gemütern und der Debatten Rechnung zu tragen. Diese Benennung soll aber auch die Hoffnung widerspiegeln, dass die Temperatur nicht weiter steigt: Wir wollen in diesem Land zwar die notwendigen Debatten führen, aber nicht in einen Fieberkrampf verfallen.

Die Veranstaltungsreihe 37FÜNF° enthält ganz verschiedene Formate. In der Fotoausstellung „Hallo wir sind die Neuen. Wir wären gerne zuhause geblieben“ portraitierte die Hamburger Fotografin Michaela Kaiser Fluchtgeschichten, die sie 2015 mit der Kamera in einem Berliner Erstaufnahmelager erfasst hat.

Das vierwöchige Tanz- und Theaterprojekt „OpenHaus“ mit 20 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen wurde in enger Kooperation mit der Berufsschule 24 in Eidelstedt konzipiert. Eine sehr berührende und eindrückliche Abschlusspräsentation auf der Bühne des Kulturzentrums krönte das Projekt.

Im Rahmen der Reihe fand auch eine Ausgabe der Infotainmentshow GUTE NACHT IN EIDELSTEDT zum Thema „Wie findest Du Deine Heimat?“ statt – mit Gästen und Good-Practice-Vorstellungen aus dem Verein Poppenbüttel hilft e.V., der ZKF, den Initiativen mit Geflüchteten „Chickpeace“ und „Salibaba“, der Aktivistin und Lokalen Heldin Najia Afshari sowie der Willkommensgruppe Eidelstedt ergänzt durch Musik, Büfett und Mitmach-Elementen.

In vier Kinoveranstaltungen wurden die Dokumentar- und Spielfilme „Nur wir drei gemeinsam“, „Gestrandet“, „Die Kinder von Aleppo“ und „#MyEscape“ gezeigt. Neben dem gemeinsamen Filmerlebnis bot jeder Abend Auseinandersetzung und Einlassung durch zusätzliche Inputs.

Den Abschluss 2017 bildete die Ausstellung „Fluchtspuren“ mit Zeichnungen geflüchteter Menschen auf 80 Metern Packpapier. Das Kunstwerk entstand in der Notunterkunft Baumarkt Hörgensweg mit dem Künstler Sladan Kristicevic.

Die einzelnen Formate förderten, verstärkt auch durch das aktive Mitwirken von geflüchteten Menschen, eine interkulturelle Öffnung und machten Vielfalt sicht- und erlebbar. Die Projektarbeit initiierte und stärkte sehr intensiv die Vernetzung im Stadtteil. Dies geschah durch Einbindung vieler Akteur*innen in die unterschiedlichen Formate, sowie für die Besucher*innen durch das Schaffen von Foren der Auseinandersetzung.

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