Während Wilhelmsburg Jahrzehnte unter Nichtbeachtung und schlechtem Ruf litt, grassiert nun – nach IBA und IGA – die Angst vor dem Verlust des „echten und bunten“ Wilhelmsburgs. Das Interview- und Ausstellungsprojekt „Gentrifidingsbums: Sichtweisen der Veränderung in Wilhelmsburg“ der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen hat sich diesen Ängsten vor Verdrängung angenommen.

Autorin: Maggi Markert

Eine von 56 Ausstellungstafeln des Projektes, Foto: Darijana Hahn

Eine von 56 Ausstellungstafeln des Projektes, Foto: Darijana Hahn

In Wilhelmsburg wird heiß diskutiert: Wird der Stadtteil auch substantiell aufgewertet und wem nützt diese Aufwertung wirklich? Denen, die jahrelang darauf gewartet haben, oder doch eher den „hippen“ Neubürgern? Oder ist Aufwertung gar der Königsweg zu einer größeren Bewohnervielfalt, um die soziale Spaltung der Stadt aufzuhalten?

In Ottensen ist sie so gut wie vollzogen, in Wilhelmsburg wird sie befürchtet, und in Billstedt scheint sie noch weit weg: die Gentrifizierung. Der Begriff, 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass geprägt, scheint spätestens seit Gründung der „Recht-auf-Stadt“-Bewegung im Jahr 2009 in aller Munde. Gentrifizierung bezeichnet den Prozess, in dem die angestammte Bevölkerung innerstadtnaher Arbeiterquartiere durch den Zuzug von Mittelklassefamilien verdrängt wird.

Sigrun Clausen und Darijana Hahn haben für die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg mehr als ein Jahr lang Menschen zu den Veränderungen in ihrem Stadtteil befragt. Daraus entstanden sind kleine Portraits, in denen mehr persönliche Sicht ganz normaler Bewohner deutlich wird als der übliche Fachdiskurs. Erschienen sind die Portraits in der Stadtteilzeitung WIR.

Die Ausstellung „Irgendwie guckt man anders“ kombiniert die Ergebnisse dieser Forschung mit Fotografien des Wandels. Sie wurde 2014 in der Honigfabrik eröffnet, wanderte 2015 ins Thalia in der Gaußstraße, dann ins Stadtteilarchiv Ottensen und schließlich wieder zurück nach Wilhelmsburg. In Zusammenarbeit mit dem Stadtteilarchiv Ottensen entstanden Begleitveranstaltungen. Erst im Austausch mit anderen Stadtteilen wird deutlich, wie und wo das Schlagwort Gentrifizierung auf dem Hintergrund der wachsenden Segregation und Ungleichheit in dieser Stadt Karriere macht.

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Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen in der HONIGFABRIK
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