In der Projektreihe „Unantastbar. Grundrechte – Greif zu!“ sind künstlerische Formate auf der Grundlage von Grundgesetz-Artikeln entstanden. Die Zinnschmelze bekam dafür den Hamburger Stadtteilkulturpreis.

Autorinnen: Sonja Engler und Katja Krumm

Performance „Es gibt Torte“ der Theatergruppe SISU zu Artikel 16, Foto: F. Hammerl

Jeden Tag und überall üben wir sie aus, unsere Grundrechte. Meist nebenbei und selbstverständlich. Dass sie das jedoch keineswegs sind, haben die Veranstaltungen der Reihe #1UNANTASTBAR auf vielfältige Weise gezeigt. Im vergangenen September ging die Zinnschmelze mit verschiedenen Projektpartnern auf eine Reise durch Hamburger Kulturorte. Beteiligt waren das Goldbekhaus, das Kulturschloss Wandsbek, Luku­lule, das Jugendinformationszentrum (JIZ), die Berufliche Schule Uferstraße und die eingeladenen Einzelkünstler*innen.

Das Ziel der einzelnen Veranstaltungen, Aktionen und Work­shops war, das Grundgesetz aus der verfassungs­politischen Abstraktion zu holen und auf künstlerisch-kreative Weise ­erlebbar zu machen. Mit der Aufforderung „Grundrechte – Greif zu!“ im Titel der Projektreihe setzt die Zinnschmelze ihre Auseinander­setzung mit den zentralen Themen unserer Gegenwart fort. Das Zusammenleben in einer offenen, vielfältigen Gesellschaft, die politische Meinungsbildung und das Mitgestalten des kulturellen Lebens in der Stadt durch eine Vielzahl von Beteiligten prägen das Programm des Barmbeker Kulturzentrums in ­seinen Inhalten und Formaten.

Wichtig war daher für #1UNANTASTBAR die Vielfalt der Zugänge zum Thema. Jedes Teilprojekt wählte einen Artikel des Grundgesetzes aus und bezog sich in der kreativen Arbeit darauf – mit Beteiligten aus diversen Altersgruppen, mit ­unterschiedlichen sozialen Hintergründen und verschiedenen Muttersprachen. Die Formate reichten von diskursiv bis performativ und ermöglichten meist ein künstlerisch-praktisches Mitmachen.

Artikel 2: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit

Shlomo und Aische, die Hauptfiguren im Puppentheater Bubales, entdecken ähnliche Speiseregeln in jüdischer und muslimischer Kultur. Im Wandsbeker Kulturschloss brachte „Die Koscher Maschine“ mit viel Witz und Musik die Bedeutung von religiöser Vielfalt und Toleranz dem Familienpublikum nahe. Die Entfaltung der Persönlichkeit aus Artikel 2 des Grundgesetzes war das Motto des Nachmittags und zeigte in der Geschichte von Schweinchen Babett, was es heißt, sich frei entscheiden zu können.

Artikel 3: Männer und Frauen sind gleichberechtigt

Mit Kübra Gümüsay, der Netzexpertin Nele Heise und dem Kurator Mario Bäumer ging es in einer Diskussionsveranstaltung in der Zinnschmelze um Hass im Internet und insbesondere die sexistische Hetze, die Frauen häufig trifft, wenn sie sich öffentlich äußern. Das Gespräch mit Expert*innen und Publikum kreiste um die Frage nach den Ursachen des Hasses, aber auch um die juristischen Möglichkeiten, sich zu wehren. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist hier noch nicht verwirklicht. Über diesen Fokus hinaus machte die Debatte die zivilgesellschaftlichen Anforderungen für den Umgang mit den Chancen und den Grenzen der Netzkommunikation deutlich.

Artikel 5: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern

Den Auftakt in der Zinnschmelze bildete eine Musikperformance zu Artikel 5, die im September 2019 uraufgeführt wurde. Die Künstlerin Leyla Yenirce entwickelte aus historischen Aufnahmen von Bürgerrechtlerinnen und den Stimmen jesidischer Frauen eine elektromusikalische Komposition. Die Collage aus Sounds und visuellen Projektionen stellte die Bedeutung der eigenen Stimme in den Vordergrund und blieb als Beitrag zur Meinungs- und Kunstfreiheit lange im Gedächtnis.

Artikel 6: Ehe – Famile – Kinder

„Alle Kinder sollen zur Schule gehen dürfen!“, sagt Leah von den Happy Musikidz. Sie singt mit zehn weiteren Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren im Chor der Zinnschmelze und studiert Lieder zu Kinderrechten ein. Von ihren Mitsänger*innen, deren Familien aus der ganzen Welt kommen, erfahren die Kinder, wie wertvoll es ist, jeden Morgen in der Schule lernen zu können und nichts dafür bezahlen zu müssen.

Kinderchor der Zinnschmelze „Happy Musikidz“ zu Artikel 7, Foto: Zinnschmelze

Artikel 8: Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln

Gemeinsam. Laut. Öffentlich. Ein zweitägiger Workshop des JIZ in der Beruflichen Schule Uferstraße drehte sich um die Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Seit Fridays for Future scheinen Jugendliche ganz selbstverständlich auf die Straße zu gehen. Doch wer traut sich, den Mund aufzumachen? Was heißt es, sich so zu exponieren? Mit Farbe und Papier, Textilien und Draht brachten die Schüler*innen ihre Gedanken in Collagen und fragilen Installationen zum Ausdruck. Die Verletzlichkeit der Demokratie ist den Objekten anzusehen.

Artikel 16: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht

Stell dir vor, du bist der Artikel 16. Wie geht es dir gerade in Deutschland? Mögliche Antworten auf solche Fragen findet die Theatergruppe SISU vom Goldbekhaus und der Embassy of Hope in ihrer multimedialen Performance, die für den öffentlichen Raum erarbeitet wurde. Was tun, wenn das grundlegende Menschenrecht auf Asyl verletzt wird? Torten werfen?

Für April 2020 war eine gemeinsame Abschlusspräsentation der Kooperationspartner mit Tanz-, Theater- und Musikperformances in der Zinnschmelze geplant. Diese musste jedoch aufgrund der Coronakrise abgesagt werden. Klar ist jedoch: Die Gestaltung unseres demokratischen Miteinanders, das tagtägliche Augenmerk auf Wertschätzung und Respekt, die Freude an der Vielfalt und die schäumende Lust an der künstlerischen Tätigkeit – dies alles wird weiter fortgesetzt.

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