Wie entstehen Erinnerungsorte? Und kann man etwas erinnern, das man selbst gar nicht erlebt hat? Wessen Perspektive und Geschichte zählt und welche Stimmen werden oft übergangen? Und was hat die Geschichte eines Ortes mit einer demokratischen Stadtgesellschaft von heute zu tun? Das Projekt „Wie wollen wir erinnern?“ des Salon International e.V. rund um den sogenannten Tansania-Park und die ehemalige Lettow-Vorbeck-Kaserne ist ein partizipatives Beteiligungsprojekt, das sich seit 2023 genau diese Fragen stellt.
Autorin: LENA KOCH

Am Anfang war das Netzwerk…
Im Jahr 2023 saß das Netzwerk „Musik aus Jenfeld“ zusammen, um für das Festival „48h Jenfeld“ geeignete Konzertorte zu finden. Ähnlich wie bei den Anfängen des Schwesterprojektes „48h Wilhelmsburg“ planen auch hier Nachbar*innen ein Festival aus der Nachbarschaft für die Nachbarschaft. In dieser Runde stellte eine Person aus dem Netzwerk eine Frage, die zunächst für Irritation sorgte: „Können wir nicht im Tansania-Park ein Konzert machen?“ Der Ort sagte kaum jemandem etwas, obwohl viele überzeugt waren, ihren Stadtteil gut zu kennen. Einige machten sich daraufhin auf die Suche nach dem Schlüssel, der nötig ist, um das Gelände überhaupt zu betreten. Beim ersten Besuch vor Ort wurde schnell klar: Hier braucht es mehr als ein Konzert. Mehr Perspektiven, mehr Expertisen, mehr Austausch und mehr Dialog.
Ein Ort, verschlossen und für die Stadtgesellschaft (fast) unzugänglich
Aber erst mal zum Ort: In Hamburg-Jenfeld, mitten in der Jenfelder Au, hinter einem Zaun versteckt und unter Denkmalschutz, befinden sich das „Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal“ – oft fälschlicherweise „Askari-Reliefs“ genannt – sowie das „Schutztruppen-Ehrenmal“. Durch das verschlossene Gelände sind die Denkmäler der Öffentlichkeit nicht zugänglich und können nur im Rahmen eines Rundgangs oder auf Anfrage an die lokalen Behörden besichtigt werden. Sie stehen in der Nähe der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne, an deren Fassaden sieben Büsten mit kolonialen Porträts zu sehen sind, die unter anderem Lothar von Trotha und Hermann von Wissmann glorifizieren. Die beiden in der NS-Zeit errichteten Reliefs, die einst den Kaserneneingang flankierten, würdigen Deutschlands koloniale Vergangenheit und propagieren die angebliche „Treue der Askari“. Das Wort „Askari“ bezeichnete afrikanische Söldner in der deutschen „Schutztruppe“, in diesem Fall in der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“. Damit verbunden ist der Mythos um den General Paul von Lettow-Vorbeck, der hier zum unbesiegten kolonialen Kriegshelden verklärt wird. Gleichzeitig zeigen die Denkmäler die ideologischen Verflechtungen zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus.
Das Denkmalensemble wurde 2003 ohne Genehmigung auseinandergerissen und im neu geschaffenen sogenannten „Tansania-Park“ wieder aufgestellt. Trotz massiver Kritik stehen sie weiterhin in ihrer problematischen Bildsprache ungebrochen nahe ihrem ursprünglichen Ort. Der Name „Tansania-Park“ ist nicht nur diskussionswürdig, sondern wurde von Beginn an deutlich kritisiert. Besonders problematisch ist, dass er ohne Einbeziehung tansanischer Partner*innen oder Mitglieder der tansanischen Diaspora in Deutschland gewählt wurde. Seine koloniale Konnotation ist daher nicht Zufall, sondern Ausdruck fortbestehender Deutungsmacht.
Der Salon International und die am Projekt Beteiligten verwenden den Namen nach langen Überlegungen weiterhin als Arbeitstitel, um nicht aus Mangel an einer Alternative vorschnell eine neue Bezeichnung zu wählen, sondern anzuerkennen, dass eine Umbenennung nur im Rahmen eines machtkritischen, transparenten und partizipativen Prozesses erfolgen kann.

Gemeinsam mit Expert*innen, Künstler*innen, der Nachbarschaft aus Hamburg und Dar es Salaam ist der Salon International e.V. auf der Suche nach neuen Wegen, um über unsere koloniale Gegenwart zu diskutieren. Zusammen mit ihnen will das Team lernen und verlernen, zeigen, dass der gemeinsame Diskurs verbindet, und so einen Ort schaffen, der sich als Lern- und Begegnungsort eignet. Dieses geschieht durch Rundgänge mit unterschiedlichen Schwerpunkten, durch eine AG, die sich monatlich trifft, durch Bildungs- und Beteiligungsprojekten, bei denen Nachbar*innen oder die Schulklasse selbst zum Tourguide werden, oder bei Filmscreenings auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne zu musikalischem Widerstand in Tansania.
Gedenken ist niemals neutral
Das Projekt „Wie wollen wir erinnern?“ setzt sich mit kolonialen Kontinuitäten und historischen Verflechtungen zwischen Kolonialismus und NS auseinander und fragt, wessen Geschichte sichtbar ist – und wessen fehlt. Dabei geht es nicht um ein einfaches Bewahren oder Entfernen von Denkmälern, sondern um antikoloniale Kontextualisierung, Perspektivwechsel und die Bereitschaft, historische Narrative und Systeme ganz aktuell zu hinterfragen. Das Projekt versteht Erinnerung als einen radikalen Prozess, der Verantwortung übernimmt und Raum für neue Stimmen schafft. Es wirkt lokal mit der Nachbarschaft, regional in Hamburg durch Kooperationen sowie international in enger Zusammenarbeit mit Vereinen und Initiativen in Tansania.
„Wie wollen wir erinnern?“ ist ein Projekt, das nur dank der Community und einer lebendigen und unbequemen Stadtgesellschaft funktionieren kann – auch, weil es auf der teils jahrzehntelangen Arbeit mutiger Aktivist*innen aufbaut. Das Projekt lebt vom Ehrenamt: Viele Menschen engagieren sich freiwillig, bringen Zeit, Wissen und Haltung ein und gestalten die Erinnerungsarbeit aktiv mit. Ohne dieses kontinuierliche Engagement wäre das Projekt in seiner Tiefe und Offenheit nicht möglich.
KONTAKT
Salon international e.V., gemeinnützig
Jenfelder Tannenweg 10 · 22045 Hamburg
· www.tansaniaparkjenfeld.org

